Fragen & Antworten: Wie dicht ist „wasserdichte“ Funktionskleidung wirklich?

Im Jahr 2005 entdeckte ich bei meinen Recherchen einen schwedischen Hersteller für Outdoor-Bekleidung, der als der Beste auf der Welt galt: Klättermusen. Die Jacken Brede, Froste oder Glaser gefielen mir sofort und gehören bis heute zu den robustesten Allwetter-Modellen, die ich gesehen habe.
Was mich damals allerdings stutzen ließ: Die Klättermusen-Jacken sollten laut Etikett einer Wassersäule von 50.000 mm standhalten.

Was ist eine Wassersäule?

Ich schlug nochmal die Definition von Wassersäule nach. Demgemäß ist eine Wassersäule von einem Meter definiert als derjenige Druck, der dem hydrostatischen Druck in 1 Meter Wassertiefe entspricht. Näheres hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Meter_Wassersäule 
Im Fall von Klättermusen redeten wir also von ziemlich genau 5bar Druck auf eine beliebig große Fläche. Wer schon einmal einen Mountainbike-Reifen aufgepumpt hat, kann bestätigen, dass das ziemlich viel Muskelkraft braucht.
Als ich mich auf einer großen Stoffmesse bei mehreren europäischen Herstellern nach diesen Werten erkundigte, waren 10.000 mm das angegebene Maximum. Irgendwann wurde ich neugierig und fragte beim größten Hersteller von Laminaten nach, und die Antwort war ganz einfach: es gab KEINE Messinstrumente, die einen stärkeren Druck hätten messen können. Das Maximum waren 10.000 mm und die Angaben waren und sind bis heute: Wasserdichtigkeit ≥ 10.000 mm, soll heißen: mindestens.
Mittlerweile gibt es auch Messgeräte, die bis 20.000mm messen können. Übrigens, diese Angabe benutzt mittlerweile auch Klättermusen, richtigerweise. Da war wohl, wie so oft, ein sehr ambitionierter Verkäufer am Werk.
Warum reicht das? Laut der europäischen Norm EN 343:2003 gilt ein Stoff als wasserdicht, mit einer Wassersäule von 800mm für Klasse 2 und 1300mm für Klasse 3. Höhere Wassersäulen dienen besonders beanspruchten Stellen, wie z.B. Fliesenlegern beim Knien im Wasser.

Kann man den Herstellerangaben trauen?

Die gemessene Wasserdichtigkeit setzt sich bei neuen Materialien aus der Wasserabweisung der Imprägnierung (Flourcarbon), der Dichte der gewobenen Garne des Oberstoffes und der Wasserdichtigkeit der Membran zusammen.
Und das ist nicht alles: Der Klebstoff, der den Oberstoff mit der Membran verbindet bzw. auch den Netzstoff mit der Membran bei Dreilagenlaminaten ist auch wasserdicht.
Kein Wunder also, dass Dreilagenlaminate wasserdichter als Zweilagenlaminate sind. Dies wird mit einer zwangsläufig schlechteren Atmungsaktivität „erkauft“.

Aber Achtung:

  • Nach dem ersten Waschen verschlechtern sich diese Werte deutlich.
  • Bei weiteren Wäschen wird es nicht besser.
  • Nach wenigen Waschgängen können viele Membranen nicht mehr als wasserdicht bezeichnet werden.

Bei Arbeitsbekleidung wird die Wasserdichtigkeit deshalb in Verbindung mit der Anzahl der Waschzyklen angegeben.

Was ist beim Kauf einer wasserdichten Jacke zu beachten?

Im Segelshop oder beim Outdoor-Händler sollte man also ruhig einmal fragen, nach wie vielen Waschgängen das Material als nicht mehr wasserdicht gilt.

Grundsätzlich gilt außerdem: je weniger Nähte eine Jacke hat, desto besser. Eine intelligente Nahtführung kann die Wasserdichtigkeit eines Kleidungsstückes deutlich erhöhen. Nähte auf der Schulter sind dem Regen am stärksten ausgesetzt und geben als erstes nach. Jacken mit Raglan-Schnitt, wie wir sie überwiegend verwenden, sind da klar im Vorteil!

by Daniel Becher

Daniel hat DaGallo im Jahr 2005 gegründet. Hier teilt er sein Wissen über Segelbekleidung und erzählt was ihn bewegt und was er mit seinem Unternehmen noch vor hat.